ERINNERUNG IM FUSSBALL ANDERS HÖREN

Seit mehr als 10 Jahren bieten zahlreiche Fußballvereine und Fanprojekte der Bundesliga als Teil ihres Engagements gegen Diskriminierung im Fußball erinnerungspolitische Bildungsreisen für Fans nach Auschwitz an. Als erster Verein in Deutschland hat der BVB sein reguläres Angebot in diesem Bereich nun auch barrierefrei für gehörlose Fans gestaltet und so in mehrfacher Hinsicht ein neues Leuchtturmprojekt im Bereich der inklusiven Bildungsarbeit im Fußball geschaffen.

Die bislang einzigartige Reise fand vom 28.07. – 02.08.2019 statt. Eine Gruppe von etwa 25 BVB-Fans zwischen 18 und 65 Jahren machte sich auf den Weg nach Polen, unter ihnen fünf gehörlose bzw. teilweise schwerhörige Teilnehmer*innen aus dem Umfeld des DEAF-Fanclubs des BVB. Oswiecim ist die Stadt in Polen, an deren Ortsrand die Nationalsozialisten das Vernichtungslager Auschwitz errichteten, in dem bis zu seiner Befreiung im Januar 1945 mehr als 1,3 Millionen Menschen ermordet wurden.

BILDUNG OHNE BARRIEREN? MIT GEBÄRDENSPRACHE IST ES NICHT GETAN

Im Rahmen des einwöchigen, intensiven Programms vor Ort fanden mehrstündige Führungen durch die verschiedenen Teile des Konzentrationslagers und zahlreiche Workshops zum Thema statt. Die Inhalte zur allgemeinen Lagergeschichte, den Auswirkungen auf die Stadt und die Lebensrealitäten der Häftlinge waren vor allem entlang des Schicksals des Dortmunder Auschwitz-Überlebenden Hans Frankenthal aufbereitet.

Seit Beginn der Bildungsreisen des BVB nach Oswiecim im Jahr 2011, die damals noch von der Ultraszene selbst initiiert worden waren, haben inzwischen über 800 Fußballfans sowie Mitarbeiter*innen des BVB und seiner Sponsoren im Alter von 14 bis 76 Jahren daran teilgenommen. Auf der diesjährigen Fanreise wurden nun sämtliche regulären Programminhalte, Arbeitsmethoden und spielerischen Elemente auf die Bedürfnisse aller Teilnehmer*innen hin überprüft und im Rahmen des Möglichen so gestaltet, dass jede*r gleichberechtigt mitmachen konnte - unabhängig von Faktoren wie Behinderung, Bildungsstand oder Alter. Alles wurde übersetzt von zwei Dolmetscher*innen für Deutsche Gebärdensprache, die auch sonst regelmäßig bei BVB-Spielen und -Veranstaltungen im Einsatz sind. Zudem gab es im Rahmen des täglichen Polnisch-Kurses für alle hörenden Teilnehmer*innen sämtliche polnischen Begriffe ebenso in Deutscher Gebärdensprache zu erlernen.

Begleitet wurden die Fans von einem Team bestehend aus pädagogischen Mitabeiter*innen der Fanbetreuung des BVB und des unabhängigen Fanprojekts in Dortmund. Konzipiert und geleitet wurde das Angebot von Daniel Lörcher und Amelie Gorden aus der Abteilung für Corporate Responsibility (Unternehmerische Verantwortung) des BVB mit Unterstützung durch das Bildungswerk Stanislaw Hantz e.V., den Historiker Dr. Andreas Kahrs und der KickIn!-Projektleitung Daniela Wurbs.

Für Daniel Lörcher war es eine neue Erfahrung: „Unsere Bildungsreisen nach Oswiecim sind immer besonders. Wir erleben Fans in einem fußballfernen Kontext, auch wenn der BVB natürlich die Klammer für die Gruppe darstellt. Wie sehr sich die Teilnehmer*innen allerdings diesmal auf unsere Idee eingelassen haben, hat uns tief beeindruckt und ist ein unvergessliches Erlebnis. Der Austausch, ob mit oder ohne Dolmetscher*innen hat jederzeit geklappt und die Teilnehmer*innen haben am Ende gar nicht mehr darüber nachgedacht mit wem sie sich austauschen – es geschah ganz automatisch.“

 

INKLUSION BETRIFFT VOR ALLEM… DIE (VERMEINTLICHEN) „NORMALOS“

Das Bildungsangebot des BVB wirkt somit auf mehreren Ebenen als Verstärker für Inklusion: die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Konzentrationslagers Auschwitz und der Bezug zu Überlebenden aus Dortmund sensibilisiert die Teilnehmer*innen für die Mechanismen und Folgen von Diskriminierung und Faschismus und macht sie zu Multiplikator*innen in ihrem Verein und ihrer Fanszene.

Die Diversität der Teilnehmer*innen-Gruppe selbst sowie insbesondere die Schaffung von Begegnungen zwischen hörenden und gehörlosen Fußballanhänger*innen trug darüber hinaus insbesondere bei den hörenden Teilnehmer*innen dazu bei, eigene Berührungsängste und Vorurteile zu reflektieren und abzubauen. So konnte ein Verständnis für das jeweilige Gegenüber und die ganz praktische Realität von Vielfalt im eigenen Verein und Stadion gefördert werden.

Das Beispiel der Reise zeigt: Es geht im Kontext von Inklusion oft nicht nur darum, die Infrastruktur barrierefrei für verschiedene Bedürfnisse, Fähigkeiten, Geschlechter, Kulturen und Altersgruppen zu gestalten. Vielmehr geht es auch um die Sensibilisierung aller sozialen Gruppen für die jeweiligen Bedürfnisse der anderen. Es geht um die Schaffung von Zugängen zu regulären Bildungsangeboten und Veranstaltungen für alle – und damit der Schaffung von Begegnung - statt vor allem separierender Events und Räume.

Nur dann kann Inklusion nachhaltig gelingen. Der BVB hat mit diesem Projekt im Bereich der inklusiven Bildungsarbeit neue Standards im deutschen Profifußball gesetzt.

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