„Diese Krankheit kann jede und jeden treffen.“

Vor zehn Jahren beging der Profispieler Robert Enke, damals unter Vertrag bei Hannover 96,  Selbstmord aufgrund von Depressionen. Der Vorfall rüttelte den Fußball auf und lenkte den Fokus kurzfristig auf eine Krankheit, die sonst eher wenig Beachtung findet. Die Robert-Enke-Stiftung leistet in seinem Gedenken seither wichtige Arbeit zur Thematisierung und Erforschung von Depressionen.

Trotz der gestiegenen Aufmerksamkeit, die vor allem an den Todestagen Enkes aufkommt, ist die Wahrnehmbarkeit und Akzeptanz sowie die Anerkennung von Depression als schwerwiegende Krankheit gesamtgesellschaftlich, aber gerade auch im leistungsorientierten Profifußball, keineswegs weit vorangekommen. Darunter leiden vor allem die Betroffenen.

Aber es gibt auch Lichtblicke: im November 2019 feierte die Faninitiative „St. Depri“ ihren fünften Geburtstag. Sie gründete sich aufgrund des depressionsbedingten Selbstmordes eines Fanszene-Mitglieds. Seitdem hat sie ihre Aktivitäten und Mitgliederzahlen konstant ausgebaut, und zeigt, dass Hilfsangebote für Menschen, die an Depression erkrankt sind hat vor allem lokal sehr zur Enttabuisierung beigetragen.

Worin eines der größten und schwerwiegendsten Probleme rund um das Thema Depressionen liegt, erklärt St. Depri im Interview mit der Vereinsseite des FC St. Pauli: „Viel zu häufig ist Depression als Krankheit unsichtbar. Die Schwere und den Leidensdruck kennen oft nur die Betroffenen alleine. Depression ist eine stille Krankheit, nach außen manchmal völlig unsichtbar.“

Demnach sei das Krankheitsbild auch so schwer zu erkennen, weil es bei vielen Menschen sehr unterschiedlich ist. Manche hätten eine Lustlosigkeit, eine Antriebslosigkeit, würden sich isolieren und Kontakte meiden. Andere würden wiederum viel schlafen und hätten keinen Antrieb aufzustehen. Der erste Weg aus diesem Zustand sei, sich einzugestehen, dass man gerade nicht gut „funktioniert“ und sich Hilfe holt.

Anlaufstellen für an Depression erkrankte Menschen gibt es zahlreiche. Von Beratungsstellen über Telefonseelsorge bis hin zu klassischen Therapeut*innen. St. Depri hat dafür über die Jahre eine Reihe verschiedener, eigener Hilfsangebote geschaffen, die sich auch in der Praxis bewährt haben.

Zum einen ist das Sport. Bewegung kann durch körpereigene Hormone gegen Depression helfen. Ein anderes Angebot ist der „Brieföffner“. Dieses regelmäßige Treffen zum gemeinsamen Öffnen der Post entstand, als Netzwerkmitglieder von St. Depri depressionsbedingt ihre Briefe nicht mehr öffnen konnten. Diese Anlaufstelle wird mittlerweile auch anderen Betroffenen angeboten. Daneben besteht ein Patinnen- und Patenprojekt. Es soll Menschen, denen es schwerfällt, sich zum Gang ins Stadion aufzuraffen, helfen, den Stadionbesuch wieder positiv zu besetzen. Weiterhin werden Yoga, PME und ein Musikprojekt angeboten.

Trotz der Wichtigkeit ihrer Hilfs- und Aufklärungsangebote, setzt die Faninitiative weiterhin auf eher leise Töne, um für Depression und psychische Erkrankungen im allgemeinen zu sensibilisieren.

Neben einem regelmäßigen Informationsstammtisch für Betroffene, aber auch für Menschen aus deren Umfeld, ist eine Plakatkampagne für Menschen im Umfeld des FC St. Pauli ihr Hauptwerbeangebot. Die Plakate hängen ausschließlich innerhalb der Toilettenkabinen des Millerntor-Stadions. Dies sei der einzige Ort in einem Stadion, an dem jede und jeder für einen kurzen Augenblick vollkommen alleine sei, und die Möglichkeit bestehe, mit sich selbst und der Thematik sehr ehrlich umzugehen. Gerade wenn an Spieltagen bis zu 30.000 Menschen in einem Stadion zusammenkommen. „Diese Poster zeigen erstens, dass es die Krankheit Depression gibt, und zweitens, dass diese Krankheit jede und jeden treffen kann, Fans wie dich und mich“, so die Initiativensprecherin. Sie hoffen, dass diese Aktion zur Entstigmatisierung dieser Krankheit beiträgt.

Bezogen auf die Sensibilisierung für Spieler*innen und Fans im gesamten Verein hat St. Depri ein klares Ziel: „Toleranz und Verständnis auf allen Ebenen“. Genauso, wie niemand mehr schief angeguckt werde, weil er als Mann einen Mann oder sie als Frau eine Frau liebt, solle niemand mehr schief angeguckt werden, wenn er kein gebrochenes Bein hat, sondern eine Depression, erklärt die Sprecherin von St. Depri.

Es sei gleichermaßen unverständlich wie schade, dass die Gesellschaft in diesem Punkt so unflexibel sei und Menschen mit Depression sich viel Arbeit machen müssten, um ihre Krankheit vor Arbeitskolleg*innen, im Familienkreis oder im Sportverein zu verheimlichen oder sich unglaublich viel Mühe geben, nach einer Krankheitsphase so schnell wie möglich „wieder ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft zu werden“, wie sie erklärt. Aufklärungsarbeit helfe dabei, dass sich Menschen Gedanken machen. St. Depri betont: „Untolerante und diskriminierende Menschen müssen merken, dass ihre Meinung nicht unkommentiert stehen bleibt und im besten Fall, dass es sich besser lebt, wenn man andere Menschen nicht für weniger wertvoll hält, weil sie eine Krankheit haben oder einfach anders sind.“

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